Die Train­er-Ath­let-Bez­iehung im para­lympis­chen Sport

Im Mittelpunkt des paralympischen Sports stehen die Athlet*innen – erst durch sie und für sie existiert der Sport überhaupt. Ein weiterer wichtiger Faktor sind die Trainer*innen. Gemeinsam gestalten sie den Sport, sodass dieser dazu wird, wie wir ihn kennen. Durch die Zusammenarbeit der beiden Parteien entsteht eine Beziehung, welche allgemein als leistungsbestimmend anerkannt ist und als Trainer-Athlet-Beziehung (TAB) bezeichnet wird. In den letzten Jahrzehnten wurden im olympischen Sport viele Erkenntnisse im Rahmen verschiedener – vorrangig psychologischen und sozialpsychologischen – Forschungsprojekten generiert, aber nur wenige Veröffentlichungen betrachten bisher die TAB Para Sport spezifisch.

Forschungserkenntnisse mit Bezug zum olympischen Sport zeigen, dass Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen der Athlet*innen und Trainer*innen die TAB beeinflussen (u.a. Jowett, 2017). Die bestehenden Erkenntnisse können jedoch nicht uneingeschränkt auf den Para Sport übertragen werden, da Beziehungen durch die Identität der beteiligten Personen geprägt sind (Markowetz, 2020). Identität entsteht durch einen komplexen Prozess in Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt. Entsprechend geschieht ein Einfluss durch die Erwartungen des sozialen Umfelds, sowie die individuelle Lebensgeschichte. Diese Aspekte finden in der bestehenden sportspezifischen Forschung zur TAB keine ausreichende Berücksichtigung, spielen im paralympischen Sport aber eine wichtige Rolle.

Das Ziel des laufenden Dissertationsvorhaben ist es, ausgehend von Erkenntnissen aus den Disability Studies zur Identität von Menschen mit Behinderung und in Ergänzung durch das ‚Interaktionsmodell und Identitätskonzept‘ nach Frey (1983), sowie das ‚3+1C-Modell‘ nach Jowett (2017) die Beziehung basierend auf individuellen Erfahrungen zu rekonstruieren und zu analysieren. Die Betrachtung der TAB aus der Perspektive der Soziologie ermöglicht es, dem gesamtgesellschaftlichen Einfluss einerseits auf das Kollektiv des paralympischen Sports sowie andererseits auf das Individuum, dessen Identität und dem daraus resultierenden Handeln innerhalb der Beziehung Rechnung zu tragen.

Die Datenerhebung erfolgt zunächst mittels Gruppendiskussionen mit Athlet*innen zur TAB. Im Anschluss finden Einzelinterviews sowohl mit Athlet*innen also auch Trainer*innen statt, in denen die Erkenntnisse der Gruppendiskussionen reflektiert und durch Identitätsaspekte erweitert werden. Einerseits ermöglicht die qualitative Herangehensweise die für den Forschungsgegenstand notwendige Offenheit und „Betroffenenperspektive“ (Bruhn & Homann, 2022, S. 505). Andererseits wird durch den Einbezug der Perspektiven von Athlet*innen und Trainer*innen ein umfassender Blick auf die zentralen Akteur*innen des paralympischen Sports ermöglicht.

 

Universität Paderborn

Promotionsstudentin: M. Pia Freier (wiss. Mitarbeiterin im Arbeitsbereich)

Betreuerin: Prof. Dr. Sabine Radtke

 

Literatur

Bruhn, L., & Homann, J. (2022). Sprecher*innenpositionen: Wer darf, kann und soll Disability Studies betreiben? In A. Waldschmidt (Hrsg.), Handbuch Disability Studies (S. 501-516). Springer VS.

Frey, H.‑P. (1983). Stigma und Identität: Eine empirische Untersuchung zur Genese und Änderung krimineller Identität bei Jugendlichen. Beltz-Forschungsberichte. Beltz.

Jowett, S. (2017). Coaching effectiveness: the coach-athlete relationship at its heart. Current opinion in psychology, 16, 154–158.

Markowetz, R. (2020). Soziale Identität. In S. Hartwig (Hrsg.), Behinderung (S. 63-69). J.B. Metzler.